Harte Kost im Hardcover

Mit seinem 224 Seiten starken Hardcover-Comic zeigt Niklas Fiedler schonungslos und mit bitterbösem Humor den Wahn der Nazi-Ideologie. Wir haben den Frankfurter zu Entstehung und Hintergründen befragt.

Das Hardcover "Der letzte Nazi" steckt voller inhaltlicher und grafischer Zitate, von Donald Trump bis Star Wars.

Das Hardcover „Der letzte Nazi“ steckt voller inhaltlicher und grafischer Zitate, von Donald Trump bis Star Wars.

 

„Die deutschen Leute finden ihn als Führer gut. Aber sie wollen einen Hitler nicht als Nachbarn haben.“

Dieses leicht abgewandelte Zitat eines aktuellen Bundestagsabgeordneten zeigt sehr gut den bitterbösen Humor in „Der letzte Nazi“. Anspielungen auf die AfD, den gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten, alte und neue Nazi-Prominenz, Aluhüte, Reichsflugscheiben und sogar Star Wars sind Teil der satirisch überspitzten Geschichte um den letzten Nazi. Ausgedacht hat sich all das Niklas Fiedler. Der 29jährige Magister der Philosophie und Kunstpädagogik hat sich schon sehr lange und intensiv mit dem Thema befasst. Das dürfte der Grund dafür sein, dass der volkstümelnde Pathos durch seine Authenzität mit einer gekonnt eingesetzten Übersteigerung urkomisch wirkt.

Humor, der weh tut

„Ich mag Humor, der weh tut“, charakterisiert sich der Autor und Zeichner selbst. Tatäschlich bleibt dem Leser das Lachen an vielen Stellen im Buch auch mal im Halse stecken. Anfangs plagten Niklas selbst noch Skrupel. „Aber das viele positive Feedback hat mich letztlich überzeugt.“ Besonders einflussreich war die Meinung eines Menschen, der frührer selbst Teil der Naziszene war. „Er hat sich inzwischen gefangen und ist überzeugter Gegner. Mit ihm hab ich mich sehr viel ausgetauscht. Er findet das Buch total klasse, weil es nicht so sehr den moralischen Zeigefinger hebt“. Der Frankfurter möchte mit seinem Werk Nazis lieber davon überzeugen, dass ihre Ideologie ins Leere führt. „Das ist besser als selbst ausgrenzend zu sein, wie das leider für viele Leute aus dem linken Umfeld zutrifft“, erklärt er mit leidenschaftlichem Unterton. „Letztlich sind auch die Nazis irgendwo Opfer“. Eine Aussage, für die er schon öfter verbale Ohrfeigen einstecken mußte – obwohl er selbst aus dem linksliberalen Milieu kommt. Zum Glück blieben bislang auch gewaltsame Übergriffe aus der rechten Szene aus.

NIklas Fiedler zeigt seine Comics.

NIklas Fiedler zeigt seine Comics.

Krieg als Abenteuer

Grundlage der offensichtlich guten Recherchen waren für Niklas viele Gespräche mit seinem Opa, der bei der SS war. „Krieg hat mein Opa als Abenteuer beschriebent“. Als Niklas 15 war, starb sein Großvater. „Erst sehr viel später wurde mir klar, dass ich zur letzten Generation gehöre, die noch direkten Kontakt zu Nazi-Tätern hatte“. Darum sieht sich der hessische Künstler in der Pflicht, die Erinnerungen zu konservieren.

Vom Hardcover-Buch zum Animationsfilm

Entstehen zuerst Texte oder Zeichnungen? „Am Anfang steht ein recht kurzer Text, die Grundidee“, erläutert Niklas. „Dann mal ich dazu Bilder. Dabei kommen dann neue Ideen. Schreiben und Zeichnen befruchten sich gegenseitig“. Die Buchstaben der aufwändig gestalteten Texte zeichnet er mit einem Kugelschreiber per Hand. „Über die eingescannten Texte geht dann eine Freundin nochmal drüber“. Das Projekt hat inzwischen ein richtiges Team zusammengebracht. Das ist auch gut so, denn es gibt viel zu tun. Das Buch bleibt nicht allein: „Wir arbeiten an einem Animationsfilm, außerdem möchte ich ein Bühnenstück zum letzten Nazi inszenieren“. Eine kleine Kostprobe zeigt: Niklas Fiedler ist genau der richtige für diesen Job. Als Schauspieler ist er in der Lage, das typische rollende „r“ und den sprachlichen Duktus eines fanatischen Nazis gleichzeitig authentisch und komisch rüberzubringen. Es drängen sich Assoziationen zu Serdar Somuncus „Mein Kampf“-Interpretationen auf,  oder auch zum von Christoph Maria Herbst kongenial eingelesenen „Er ist wieder da„.

 

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=ysi-A3wdt2M

Hardcover-Bücher durch Crowdfunding

Die frühen Werke des hessischen Comic-Künstlers waren oft sehr abstrakt und psychedelisch. Auch wenn seine ureigene Bildsprache und sein Stil im „letzten Nazi“ immer noch deutlich erkennbar sind, wird dieses Buch durch seinen aktuellen Bezug sicher leichter ein Publikum finden. Hilfreich ist dabei auch das Crowdfunding, mit dem Niklas erfolgreich über 7.000 Euro eingesammelt hat. Dazu kommen die günstigen Preise für Buchproduktionen bei online-druck.biz. Schon 2011 ist der Frankfurter bei der schwäbischen Druckerei Kunde. „Dank erfolgreichem Crowdfunding werden weitere Nachdrucke auch der alten Titel folgen.“

Wir sind gespannt und werden die Arbeit des Multitalentes aufmerksam weiterverfolgen.

Wer mehr über den Künstler und seine Arbeit erfahren möchte, findet hier ein ausführliches Interview.

 

 

Weitere Blogbeiträge zum Thema Comic/Bildergeschichten:

Hael und die Spiegeltore

Comic-Künstler Jo Lott

Warum Comic-Hefte politisch sind

 

 

Author: Marc Hettich

Teile diesen Beitrag auf